Fallstudie: Möglichkeiten des Private Fundraising im Netz
Seit Kindheitszeiten ist wohl jedem von uns die Situation vertraut, dass die uns zur Verfügung stehenden monetären Mittel nicht ausreichen, um einen Konsumwunsch hier und jetzt zu befriedigen. Als Kind versuchte man durch Schreien, Heulen, Betteln und der Abgabe nicht zu erfüllender Versprechen - “Ich will ab sofort immer artig sein” - Eltern, Oma und Opa, Onkel und Tanten, davon zu überzeugen, dass sie einem am besten jetzt sofort das heiß ersehnte Spielzeug kaufen, andernfalls man gedenke auf der Stelle tot umzufallen. Wie erfolgreich diese Strategie war, wird jeder wissen, der sich an seine Kindheit zurückerinnert.
Für einen Erwachsenen stellt sich die gleiche Situation weitaus schwieriger dar. Denn auch wir Großen haben ja unsere materiellen Wünsche, aber leider oftmals nicht das nötige Geld auf dem Konto, um sie sofort zu realisieren. Da Schreien und Heulen als Verhaltensweisen für einen über 18-jährigen ja irgendwie ausgeschlossen sind, muss man als Erwachsener ein wenig Zeit und Gehirnschmalz darauf verwenden, wie man an das fehlende Geld kommt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit fallen mir da spontan folgende Mittel und Wege ein:
- Sparen: das ist wohl die bekannteste und bewährteste Möglichkeit zur Finanzierung einer Anschaffung. Temporärer Konsumverzicht und die überschüssigen Gelder werden solange gesammelt, bis man den entsprechenden Betrag beisammen hat
- Mehr arbeiten: wenn man mehr Geld braucht, wäre eine (vorübergehende) Erweiterung der Einnahmebasis sicher auch eine Möglichkeit der Problemlösung, wobei der Erfolg natürlich davon abhängt, ob man überhaupt seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich verkaufen kann und will
- Kredit: eine ganze Branche mit zig Tausenden Beschäftigten lebt davon, “Genieße jetzt und zahle später” so lautet ihr Versprechen, was angesichts der wachsenden Überschuldung der Privaten Haushalte, bei vielen Bundesbürgern auf offene Ohren gestoßen ist
- Eltern/Verwandte/Freunde: und natürlich gibt es noch die klassische Methode des Bettelns. Wie erfolgreich dieser Weg ist, hängt von vielerlei Faktoren ab, unter anderem wie eng und vertrauensvoll das Verhältnis zwischem Geldbrauchenden und dem entsprechenden Personenkreis ist, den finanziellen Möglichkeiten der Angesprochenen, aber wohl auch und vor allem inwieweit man als Bittender über das erforderliche Selbstbewusstsein verfügt, um sich vor Papa und Mama, Onkel Kurt und Tante Karin oder seinen Kumpels und Freundinnen hinzustellen und zu sagen “Schenkt mir Geld für …”
Was aber, wenn die hier aufgeführten Punkte aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zum Tragen kommen. Sei es dass man so wenig Geld zur Verfügung hat, dass man eh nichts davon sparen, geschweige denn die Kreditraten bezahlen kann oder dass man sowieso schon drei Minijobs an der Backe hat und einen vierten nicht mehr im Zeitplan unterbringen kann oder weil man sich schlichtweg schämt, die Menschen, die einem nahestehen, um eine milde Gabe zu bitten. Tja, in solch einem Falle bliebe dann wohl nur noch eine Möglichkeit, Konsumverzicht zu üben und darauf zu hoffen, dass man eines Tages im Lotto gewinnt.
Ganz anders stellt sich jedoch die Situation für diejenigen dar, die in der glücklichen Lage sind, über einer Webseite oder einenBlog im Internet präsent zu sein. Denn da verbreitert sich der Kreis der potenziellen Ansprechpartner, die man um eine milde Gabe ansprechen kann, vielleicht nicht ins Unendliche, aber doch erheblich. Doch wer nun meint, es genüge sich irgendwo eine kostenlose Domain zu besorgen und via HTML eine grellbunte Homepage zu erstellen, dessen einziger Inhalt die Aufforderung ist “Leute, überweist mir Geld, den PayPal-Button findet Ihr unten links”, bei dem dürfte die Ebbe im Geldbeutel weiterhin der Dauerzustand sein.
Nein, das Private Fundraising im Netz ist zwar einerseits erheblich einfacher, andererseits weitaus arbeitsaufwändiger als die Betteltour im real Leben. Einfacher, weil die relative Anonymität mit der man in Netz unterwegs ist, in der Regel tritt man hier ja stets nur unter seinem Pseudonym in Erscheinung und die wenigsten wissen, wie man wirklich heißt und wo man wohnt, was dazu führt, dass es einem gegenüber dieser anonymen Masse leichter fällt, um Geld zu bitten. Schwieriger, weil der Aufwand, den man benötigt, um die Internetuser von seinem Anliegen zu überzeugen, weitaus größer ist, als wenn man Eltern/Verwandte/Freunde direkt ansprechen würde.
Wie aber bringt man nun jemanden, der einen nicht persönlich kennt, dazu, Geld an eine ihm völlig unbekannte Person zu überweisen. Ich habe diesen Punkt noch nicht abschließend durchdacht, denke aber dass zwei Punkte eine wichtige Rolle dabei spielen:
- die Verkaufsstory: Man muss natürlich sein Publikum davon überzeugen, warum es unbedingt erforderlich ist, dass die Person, die gerade meine Webseite/Blog besucht, jetzt sein Online-Banking aktiviert und ein Überweisungsformular ausfüllt. Welche Gründe das nun im Einzelnen sein mögen, weiss ich natürlich nicht zu sagen, wichtig ist aber, dass man die Dringlichkeit des Vorhabens deutlich hervorhebt.
- der eigene Auftritt im Netz: Ich kann da nur von mir sprechen, aber vielleicht geht es dem einen oder anderen ja ebenso. Also, wenn da einer versifft und zugesoffen vor mir steht und mir unartikulierend vor sich hin lallend seinen Plastikbecher hinhält, dann sind die Chancen, dass ich da eine Münze hineinwerfe gleich Null. Nein, eine gewisse Sympathie, und sei sie auch noch so gering, für die betreffende Person muss vorhanden sein. Und was für das reale Leben gilt, das gilt erst recht für’s virtuelle. Sprich: die Art und Weise, wie man im Web in Erscheinung tritt, muss auf viele Menschen ansprechend wirken. Zu nennen wären da vor allem eine ansprechende optische Gestaltung der eigenen Webpräsenz (Layout, farbliche Gestaltung, Schriftarten und -größen, etc), aber vor allem auch der Inhalt. Denn damit eine Spendensammelaktion Erfolg haben kann, muss die entsprechende Seite im Netz bekannt sein. Denn was nützt die schönste Seite mit der intelligent vorgetragenen Spendenbitte, wenn sie keiner kennt. Vernetzung und Aufbau und Erhalt eines breit gefächerten Leserkreises sind hierbei die entscheidenden Stichworte. Und wie erreicht man das, was man in der Fachsprache glaube ich als “Leser-Blatt-Bindung” bezeichnet. Ganz klar, wie bei den klassischen Medien auch, durch die aktive Einbeziehung der Leser mittels verschiedener Aktionen wie Umfragen, Diskussionsrunden, gemeinsame Aktivitäten im Netz etc.
- eigentlich ist es ja kein Betteln, sondern ein Tauschgeschäft: Seien wir doch ehrlich:Für einen aufgeklärten Menschen sind beide Rollen, die des Bittenden und die des Gebenden problematisch, kommt in ihnen doch ein hierarchisches Verhältnis zum Ausdruck, dessen Existenz zwar nicht wegzuleugnen ist, dass man aber doch lieber nicht wahrnehmen möchte. Hier kommt nun die große Chance des phantasievoll Bittenden, das ist gewissermaßen sein USP, sein Unique Selling Point, sein Alleinstellungsmerkmal, wie es im Managementsprech so schön heißt, dass ihn aus der Masse heraushebt. Denn der phantasievoll Bittende bittet eigentlich nicht, nein er schlägt seinem Gegenüber ein Tauschgeschäft vor: Du gibst mir einen von Dir frei zu bestimmenden Geldbetrag und dafür bete ich für Dich, singe Dir ein Lied vor, vollführe ein Kunststück, werde ich Dich auf meiner Webseite lobend erwähnen oder ….
Wie erfolgreich eine derartiges Projekt sein kann, kann man derzeit auf dem Chitime-Blog verfolgen, wo Frau Chikatze Ihre Besucher um eine Spende bittet, damit sie sich zu ihrer digitalen Spiegelreflexkamera auch die erforderlichen Objektive kaufen kann. Begründen tut sie ihren Wunsch damit, dass sie ohne eine hochwertige Kamera nicht mehr leben kann. (Eine Begründung, die einerseits für total anmaßend halte, denn bislang hatte ich nicht den Eindruck, dass das Leben vom Besitz einer Kamera, gleich welcher Art, abhängt, andererseit in ihrem Absolutheitsanspruch für ziemlich genial halte, denn welcher Leser vermag sich dem moralischen Druck zu entziehen und dafür verantwortlich zeichnen, wenn diese liebenswerte Bloggerin nächste Woche das Zeitliche segnet, nur weil ihr das Makroobjektiv fehlte). Doch Frau Chikatze meint es auch gut mit ihren Spendern: denn die dürfen sich, wenn die gewünschte Fotoausrüstung schließlich beisammen ist, auf eigene Kosten, vermute ich, zu Frau Chikatze begeben, um sich von ihr porträtieren zu lassen und wem das zuviel Aufwand ist, der darf sich in Zukunft an den schönen Fotos, die Frau Chikatze mit ihrer neuen Kamera macht und ins Netz stellt, erfreuen. Was angesichts der Mengen an qualitativ hochwertigen Bildern, die man sich im Netz anschauen kann, natürlich ein ganz besonderes Schmankerl ist. Wie erfolgreich diese Aktion verläuft und was man in Klein-Bloggersdorf davon hält, kann man hier verfolgen.
7. März 2009 um 04:25
toller artikel!
wir menschen haben das mit dem geben immer noch nicht richtig raus. nur zu weihnachten da schenken wir das die schwarte kracht.
ich verspüre freude beim geben. und wenn mich ein arbeitskolege nach einem euro fragt weil er grad kein kleingeld dabei hat dann geb ich ihm einen und sag dann meist… danke aber behalt ihn. irgendwann im leben bekommst du es zurück auch wenn es nur dankbarkeit ist.
und wie hällst du es mit dem geben. schon was gespendet? deine meinung dazu hast du ja wunderbar fern gehalten von deinem artikel.
7. März 2009 um 12:26
Hallo Patrick.
in der Tat, es ist kein einfach Ding mit dem Bitten und dem Geben. Wobei der Gebende es vielleicht ein klein wenig einfacher hat als sein Gegenüber, denn in dem Moment, wo er gibt, hat er sich ja bereits entschieden und braucht in der Regel seine Entscheidung nicht zu begründen. Anders hingegen beim Bittenden, der unter einem Legitimationszwang steht. Er muss begründen, warum man ihm Geld geben soll, ohne einen materiellen Gegenwert dafür zu bekommen. Und bei der Frau Chikatze halte ich die Begründung - weil ich glaube, ohne eine hochwertige Fotoausrüstung nicht mehr leben zu können - wie ich in meinem Beitrag schrieb, für ausgesprochen anmaßend. Oder, um es polemisch zu formulieren, man könnte ja mal die Leute in der Severinstraße in Köln fragen, die von einer Minute auf die andere alles veloren haben, die nur noch das besitzen, was sie auf dem Leib tragen, was sie jetzt am nötigsten brauchen und wenn einer von ihnen antwortet: “Wohnung, spielt keine Rolle, Klamotten, egal, was ich jetzt brauche ist ‘ne Nikon D200″, dann werde auch ich bei Frau Chikatze auf den PayPal-Button klicken. Was die Aktion von Frau Chikatze jedoch für mich so interessant und bedenkenswert macht, ist die Tatsache, wie sich Renommee und Sympathien, die man sich im Netz erworben hat, in harte Münze verwandeln lassen. Wie das gelingt, welcher Voraussetzungen es dazu bedarf, das wäre eine interessante Aufgabe, aber leider fehlen mir dazu die mediensoziologischen Kenntnisse,
herzliche Grüße
der Flaneur
8. März 2009 um 16:10
Ich sage es auch hier nochmal:Ich sehe die Aktion nicht als Betteltour, sondern als Experiment.
Ein “Crowd Sourcing”-Experiment. Viele genen wenig und einer bekommt viel.
Daß ich ohne Kamera nicht leben kann, war natürlich nicht wörtlich zu nehmen, sondern so gemeint, wie es die meisten auch verstanden haben. Die Fotografie hat sich zusammen mit meinem Exfreund einfach zu einer Leidenschaft entwickelt, die ich gerne weiterleben würde.
Und wer mir dabei helfen möchte, darf das tun.
Ganz einfach.
Deinen Eintrag hier finde ich extrem weit hergeholt und übertrieben.
Aber es hat nunmal jeder seine Meinung dazu. Und das ist auch okay so.
(Solange die Leute nicht- wie einige Kommentatoren auf meinem Blog- beleidigend werden…)
8. März 2009 um 17:26
Liebe Frau Chikatze,
ob man Deine Aktion jetzt als Betteltour, Hilfsprojekt oder Crowd-Sourcing-Experiment bezeichnet, ist in meinen Augen unwichtig. Was mich bei der ganzen Sache stört, ist folgender Aspekt: Ich vertrete die Auffassung, dass man erst dann um Hilfe und Unterstützung bei anderen Menschen bitten sollte, wenn man alle Möglichkeiten, die einem zur Verfügung stehen, versucht hat. Und wenn das der Fall ist, dann soll geben, wer geben will und dann ist es auch zweitrangig, ob es sich dabei um eine existenzielle Notlage oder nur um die Unterstützung zur Finanzierung eines teuren Hobbys handelt. (Wobei ich das Hilfeersuchen im ersten Fall für angemessener halte als beim zweiten Fall, aber das ist meine Einstellung). Was mich nun bei Deinem Projekt die Stirn runzeln lässt, ist die Tatsache, dass Du die Alternativen, die ich in meinem Beitrag so langatmig ausgeführt habe, offenbar gar nicht erst in Erwägung gezogen bzw. ausprobiert hast. Zumindest habe ich keine Einträge dazu auf Deinem Blog gelesen. Okay, Du hast Dich für diesen Weg entschieden und wie man sieht, hast Du ja auch Erfolg damit (und das meine ich jetzt ohne jeglichen schnippischen Unterton, denn als Trittbrettfahrer, der Dir nicht überweist, werde ich ja demnächst auch von Deinen schönen Bildern profitieren), denn ich hätte nicht gedacht, dass innerhalb so kurzer Zeit so viel Geld zusammenkommt.
Und bei allen Dissens, der da zwischen uns in dieser Frage herrscht, schicke ich mal ein paar besonders liebe Grüße von der Elbe an den Rhein
der Flaneur
9. März 2009 um 01:38
@flaneur, ich hab übrigens von dir einmal ein sehr schönes kleines geschenk bekommen. steht auch heut noch an einem ort an dem alle meine besucher vorbei müssen. vorallendingen steht es/er dort damit ich gefragt werde … und ich dann immer wieder erzählen kann wie toll ich das fand von einem menschen den ich noch nie gesehen hab, von dem ich vorher noch nie etwas wusste und dem ich auch bis heute nicht begegnet bin, ein geschenk bekommen habe. und ich erzähl es gern.
9. März 2009 um 19:39
Hey, stimmt, das war beim Chitime-Wichteln 2007. Kann mich noch gut daran erinnern, wie ich die Figur sah und spontan dachte, das ist das richtige Wichtelgeschenk und offenbar habe ich damit ja nicht völlig falsch gelegen