Walter Jens, Rhetorikprofessor in Tübingen und ein begnadeter Redner, ich hatte vor vielen Jahren das Glück ihn bei einer Vortragsreihe in Hamburg erleben zu dürfen, ist bekanntlich an Alzheimer erkrankt. Das ist nicht schön, vor allem nicht für seine engsten Angehörigen, die unmitttelbar miterleben müssen, wie sich eine allseits geachtete intellektuelle Koryphäe ein sabberndes, aggressives Monster verwandelt. Sein Sohn Tilman hat jetzt über seinen Vater ein Buch veröffentlicht in dem er auch den kranken Vater beschreibt. Ob das nun richtig oder falsch ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Ich persönlich halte diese Schilderungen aus der Intimsphäre für falsch, vor allem deshalb, weil sich der Betroffene dagegen nicht mehr zur Wehr setzen kann. Aber gut, das muss Sohn Tilman mit sich selber abmachen. Und ich verstehen auch, dass man als Angehöriger nach dem Warum fragt, warum ausgerechnet dieser Mann an dieser heimtückischen, unheilbaren Krankheit erkranken muss. Nur das Ergebnis, das uns Tilman Jens in seinem Buch präsentiert, muss bei jedem Leser, der noch halbwegs denken kann, Kopfschütteln auslösen. Denn Jens versteigt sich zu der kruden These, die er bereits im März 2008 in einem Artikel in der FAZ veröffentlicht hat, dass die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters in unmittelbaren Zusammenhang steht mit dem Auftauchen von Dokumenten, die dessen Mitgliedschaft in der NSDAP belegen. Okay, dass dem Sohn in all seiner Rat- und Hilflosigkeit intellektuell die Gäule durchgehen, das kann ich ja irgendwie verstehen. Aber hätte ihn nicht wenigstens sein Lektor beim Gütersloher Verlagshaus, in dem das Buch erschienen ist, mal auf die Gewagtheit seiner These hinweisen können? Das ist offenbar nicht geschehen, vielleicht hatte man ja in der ostwestfälischen Provinz zu viel Respekt vor dem Namen Jens. Völlig fassungslos war ich dann aber heute morgen, als ich beim Biss ins knusprige Brötchen in der Frankfurter Rundschau die Besprechung von Arno Widmann zu Tilman Jens Buch las, denn der muss seine Rezension offenbar in einem Zustand der temporären geistigen Umnachtung geschrieben haben, denn anders kann ich mir diese Passage nicht erklären:
“Tilman Jens glaubt nicht an diesen Zufall. Zu nahe liegen die beiden Ereignisse beieinander. Zu praktisch schmiegt die Demenz sich ans Fatale. Man kann über Tilman Jens’ Konstruktion den Kopf schütteln, sich hinter den Millionen Fällen verstecken, die, ohne dass eine Nazi-Vergangenheit auftauchte, sich fürs Abtauchen entschieden. Nein, eben nicht entschieden, sondern verzweifelt dagegen ankämpfend, in der Demenz sich wie in einem Sumpf versinken sahen und sehen. Aber ist nicht auch wahr, dass man sehr wenig weiß über die Ursachen der Demenz, wer will also ausschließen, dass bei Walter Jens der Nazi-Vermerk einer der Auslöser war, während bei anderen es andere Auslöser gab?” (Quelle)
Tja, wenn das so ist, da erfährt jemand das ein unliebsames Detail aus seiner Vergangenheit, das er sorgsam versteckt gehalten hat, vielleicht sogar erfolgreich verdrängt hat, plötzlich ans Licht der Öffentlichkeit gerät und schwuppdiwupp, hastdunichtgesehen, ist auf einmal die Alzheimer-Krankheit da. Da kann ich nur hoffen, dass die Mediziner, die sich tagaus tagein mit der Erforschung der Ursachen dieser tückischen Krankheit beschäftigen, in ihren Kenntnissen weiter sind als die beiden Hobby-Mediziner Jens und Widmann.