Archiv für November 2008

Stille Tage in Bielefeld

Kategorie: notiert, geschrieben am 30. November 2008 von der Flaneur

Von Mittwoch bis gestern war ich in Bielefeld bei meinem Vater gewesen. Stille Tage waren es gewesen, aber ich denke, es hat ihm gut getan, dass ich jemand da war, mit dem er reden konnte, wenn ihm danach war.  Und mir hat’s natürlich auch gut getan, mit ihm reden zu können. Am Mittwoch konnten wir uns von ihr verabschieden, bevor sie ins Krematorium überführt wurde. Ein wenig Angst hatte ich schon vor diesem Moment, aber dann lag sie so friedlich und entspannt da. Wir haben noch jeder eine Rose auf den offenen Sarg gelegt, ihre Enkelkinder haben ihr noch selbstgemalte Bilder mit auf die letzte Reise gegeben.

Nur eines ist mir an mir aufgefallen, hat mich nachdenklich gemacht: Die ganze Zeit, seitdem mein Vater mir die Todesnachricht überbracht hat, habe ich kein einziges Mal geweint, selbst als ich am Mittwoch vor ihr stand und ein letztes Mal über ihre Hand strich, selbst da wollten/konnten die Tränen nicht fließen.

Hat mich der Alltag wieder ?

Kategorie: notiert, geschrieben am 25. November 2008 von der Flaneur

Die gleiche Frage wie gestern, doch heute kann ich sie schon ein Stück weit mehr mit Ja beantworten. Ich saß nicht mehr völlig apathisch am Telefon, die teilnehmenden Worte der Kolleginnen aus der Telefonzentrale taten mir gut und die letzten vier Stunden waren so ausgefüllt mit tausenderlei Erledigungen, dass ich gar keine Zeit hatte, groß nachzudenken.

Morgen vormittag wird der Leichnam von Hannover nach Bielefeld überführt und am Nachmittag haben wir dann Gelegenheit kurz Abschied von ihr zu nehmen, bevor der Leichnam dann ins Krematorium gebracht wird. Ich bin gespannt, ob wir alle die Kraft haben werden, sie ein letztes Mal anzuschauen.

Hat mich der Alltag wieder ?

Kategorie: notiert, geschrieben am 24. November 2008 von der Flaneur

Heute ins Call-Center zu fahren, das war schon verdammt schwer. Ich habe lange Zeit, auch schon als ich in der U-Bahn saß, überlegt, ob ich nicht lieber zu Hause bleiben sollte und als ich dann ankam und der steuernde Teamleiter mich anschaute und meinte “Mein Gott, Sie sehen ja völlig fertig aus.”, da war ich dann nahe dran, meine Sachen wieder zurück in den Spind zu packen und nach Hause zu fahren. Ich bin dann aber doch geblieben und habe meine 8-Stunden-Schicht durchgezogen, obwohl ich zwischendurch immer mal wieder gedacht habe, dass ich es nicht packe. Aber ich habe mir gedacht, dass ich bei aller Trauer, die jetzt da ist, ich mich auch dem Alltag stellen muss und dazu gehört eben auch der Job und auch wenn ich mir heute am Telefon vorkam, als wäre ich in einem falschen Film, so hat’s andererseits auch wieder gut getan, einfach zu machen und zu tun und sich nicht in Grübeleien zu verlieren.

Der Tag danach II

Kategorie: notiert, geschrieben am 23. November 2008 von der Flaneur

Für eine Moment habe ich heute Mittag, als ich mich für’s Hotel umzog, überlegt, ob ich eine schwarze Krawatte tragen soll oder nicht und habe mich dann dafür entschieden. War ein eigenartiges Gefühl den schwarzen Schlips hervor zu holen. Die Arbeit im Hotel war okay. Zwischendurch stand ich mal wieder neben mir und schaute mir bei der Arbeit zu und war verwundert, dass ich trotz allem, was in den letzten Stunden geschehen ist, den Gästen mit der gleichen professionellen Freundlichkeit begegnete wie ich es an den anderen Sonntagen auch mache. Ja doch, der Alltag mit all seinen wiederkehrenden Verrichtungen kann in so einer Situation eine gute Stütze sein.

Der Tag danach

Kategorie: notiert, geschrieben am 23. November 2008 von der Flaneur

Ich schaue aus dem Fenster und sehe das, was ich Tag für Tag sehe, die Fenster der gegenüberliegenden Wohnungen, das bunte Chaos im Kinderladen, dick eingemummte Passanten, die auf den Weg zum Bäcker sind oder ihren Sonntagsspaziergang unternehmen und auch ich schaue, wie jeden Sonntagvormittag auf die Uhr, rechne, wieviel Zeit mir noch bleibt, bis ich mich für meinen Hoteljob in Schale werfen muss. Und doch kommt mir das alles so unwirklich vor. Wie kann das Leben da draußen einfach so weitergehen, wo doch das Leben meiner Mutter zu Ende gegangen ist? Ja, ich weiß, es ist anmmaßend so zu denken, denn warum sollte das Leben stillstehen, nur wenn ein Leben an sein Ende gekommen ist. Doch hier für mich, für meinen Vater und meine Schwester samt Ehemann und Kindern da steht die eigene Zeit jetzt für einen Moment still.

In der Vergangenheit habe ich immer mal wieder darüber nachgedacht, wie es wohl sein wird, wenn ein Elternteil verstirbt und immer war da das eine Bild dar, dass ich Vater oder Mutter in seinen/ihren letzten Stunden begleite. Ich danke Gott von Herzen, dass ich die letzten Stunden mit meiner Mutter verbringen durfte. Viel geredet haben wir nicht, die meiste Zeit hat sie geschlafen oder vor sich hin gedöst, die meiste Zeit habe ich nur an ihrem Bett gesessen, ihre Hand gehalten und ein paar aufmunternde Worte zu ihr gesagt. Und ja, ich hatte Hoffnung als ich im Zug zurück nach Hamburg saß, dass sich vielleicht doch noch alles zum Guten wenden würde. Aber ihre Kräfte reichten dann nicht mehr aus, um diese große Anstrengung zu bewältigen.

Vieles gibt es noch zu sagen, doch dafür muss ich erst noch meine Gedanken sammeln und die rechten Worte finden. Als ich heute morgen aufwachte und mich mit dem Tag vertraut machte, da hörte ich im Radio diesen Beitrag.  Offene, gute, aufrichtige und warmherzige Sätze hörte ich, genau das, was ich hier und heute und morgen und übermorgen brauche.

Leben oder Tod ?

Kategorie: notiert, geschrieben am 22. November 2008 von der Flaneur

Ach es liest sich alles so leicht, die Debatten um Patientenverfügung, für und wider die Apparatemedizin, um den freien Willen des Patienten und das Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf ein würdevolles Sterben. Doch wenn man plötzlich von einer Minute auf die andere mit einer solchen Entscheidung konfrontiert wird, da spüre ich meine Hilflosigkeit. Ich habe von heute Mittag bis in den frühen Abend am Krankenbett meiner Mutter verbracht. Als ich ankam, so gegen 12:30 Uhr waren ihre Pulswerte immer noch extrem hoch, so zwischen 130 und 140. Das war zwar eine kleine Verbesserung um 10 Schläge gegenüber dem Vortag, aber natürlich immer noch bedrohlich hoch. Und die Ärztin auf der Station schätzte mittlerweile die Situation als so bedrohlich ein, dass sie meinte, man könne jetzt nur versuchen mittels Stromstöße das Herz meiner Mutter wieder in stabileren und ruhigeren Rhythmus zu bringen. Eine solche Intervention, fügte sie hinzu, sei aber mit erhebl ….

Soeben rief mein Vater an und sagte mir, dass meine Mutter gegen 22:30 Uhr entschlafen ist.

Puh, was für ein Feierabend

Kategorie: notiert, geschrieben am 21. November 2008 von der Flaneur

Hektik hoch drei, Bahnverbindungen rausgesucht, Fahrkarten gebucht, weil ich immer noch keinen Drucker habe um halb zwölf ins nächste Internetcafe gedüst, um mir die Teile auszudrucken, jetzt wieder zu Hause, gleich noch einen Absacker trinken, dann Licht aus. Morgen rasch vier Stunden Call-Center runterreißen, vorher noch mit meiner Schwester telefonieren, dann ab nach Hannover, um zu schauen, ob Mutter auch gut untergebracht ist und am Samstag die gleiche Prozedur, nur ohne Call-Center. Aber wat mutt, dat mutt, sach ich mal.

Jetzt überschlagen sich die Ereignisse

Kategorie: notiert, geschrieben am 19. November 2008 von der Flaneur

Ein paar Telefonate von meinem Schwager, meinen Eltern verbal die Pistole auf die Brust gesetzt und vielleicht wird meine Mutter schon übermorgen  nach Hannover überführt, da die Behandlung ihrer Leukämie in Bielefeld praktisch seit drei Monaten auf der Stelle tritt. Da werde ich in der nächsten Zeit häufiger in der niedersächsischen Landeshauptstadt sein, von der ich bislang nur den Bahnhof kenne. Demnächst wird der Weg vom Bahnhof zur Medizinischen Hochschule hinzukommen.

Na Klasse

Kategorie: notiert, geschrieben am 18. November 2008 von der Flaneur

Mutter liegt mit Leukämie im Krankenhaus und nun hat’s meinem Vater auch noch mit einer Rippenfell- und Lungenentzündung erwischt.

Warum nur Neustadt ?

Kategorie: notiert, geschrieben am 17. November 2008 von der Flaneur

Es gibt ja Ideen, die sind so schräg, dass man ihnen, wenn man zum ersten Mal von ihnen hört, keine realistische Chance auf Verwirklichung einräumt. Und dann passiert dann doch das Unglaubliche. In diesem Falle im Schwarzwald, genauer gesagt in Neustadt, denn der unscheinbarere Teil der Gemeinde Titisee-Neustadt will was für sein Image tun, wie man in der aktuellen Ausgabe der Zeit lesen kann, und ist dabei auf eine wunderbare Idee gekommen und zwar dem Projekt “Hello Yellow“, das zum Ziel hat, allen Häuser des Ortes in unterschiedlichen Schattierungen, die Farbe Gelb zu verpassen. Eben habe ich ein wenig vor mich hingeträumt und mir vorgestellt, was wäre, wenn dieses Beispiel Schule machen würde. Wie würde Deutschland von oben aussehen ? Ein lustig-bunter Flickenteppich, durchsetzt vom satten Grün der Felder und Wälder. Sicherlich nur ein Traum, aber wenn man demnächst über den dunklen Schwarzwald fliegt und man einen gelben Farbtupfer sieht, dann weiss man, aha das ist Neustadt.