Er war nur ein verschwommener Schatten,
Kategorie: notiert, geschrieben am 31. Juli 2008 von der Flaneurdieser Mann, der mich, wenn ich als kleines Kind bei Oma F. zu Besuch war, auf seinem Schoß wiegte, der mich Jahre später am Schultor abpasste und mir ein 5-DM-Stück in die Hand drückte, da wusste ich schon, dass er mein leiblicher Vater war, zweimal hat er es getan und irgendwie kam es mir falsch vor, dass er, der sich all die Jahre nicht um mich gekümmert hat, plötzlich aus dem Nichts auftauchte und meinte mit einem Geldgeschenk alles wieder gut zu machen. Geprägt durch unzählige Indianergeschichten habe ich dann die Entscheidung, ob ich das Geld annehmen soll oder nicht, Gott überlassen und das 5-DM-Stück auf meinem Nachhauseweg auf einem kleinen Mauervorsprung deponiert. Einmal war es am nächsten Tag noch, das zweite Geldstück nicht mehr. Eine äußerst gerechte Lösung, wie ich immer noch finde. Viele Jahre vergingen, Umzug nach Hamburg, Studium, Arbeit. Und das einzige was mich mit ihm verband war, dass ich seinen Namen trage. Bis sich dann plötzlich das Sozialamt bei mir meldete und mich zu Unterhaltszahlungen für ihn aufforderte. Nun dass habe ich erfolgreich abgewehrt, denn ich bin zwar sehr für familiäre Solidarität, aber Monat für Monat 300 DM zu zahlen für einen Menschen, der sein Leben lang keinen Finger für mich krumm gemacht hat, erschien mir damals und tut heute immer noch nicht besonders gerecht zu sein. Gestern erzählte mir meine Mutter, dass sie durch puren Zufall auf dem Alten Friedhof sein Urnenbegräbnis gesehen hat. Vergangenes Jahr ist er gestorben. Ich weiß nicht, wie er gelebt hat, wie er gestorben ist, ob Freunde, Angehörige ihn auf seinem letzten Weg begleitet haben. Für mich war und ist er ein Fremder, dieser Mann, der mich gezeugt hat. Friede seiner Seele.